Sido / Les Vrilles de la vigne
"Schau! Die Welt gehört mir."
BIOGRAPHIE: Colette (1873-1954)
📅 Wesentliche Chronologie
Die burgundische Kindheit (1873-1893)
- 1873: Geburt in Saint-Sauveur-en-Puisaye (Yonne).
- Sido: Ihre Mutter, Sidonie Landoy, ist eine strahlende, liebevolle und freie Persönlichkeit, die ihr die Liebe zur Natur vermittelt.
- Der Kapitän: Ihr Vater, Jules Colette, ist ein ehemaliger einbeiniger Soldat, ein Träumer und gescheiterter Schriftsteller.
Die Lehrjahre und Emanzipation (1893-1912)
- Willy: Sie heiratet Henry Gauthier-Villars (Willy), der sie nach Paris bringt und ausbeutet, indem er sie die Claudine-Reihe unter seinem Namen schreiben lässt.
- Das Music-Hall: Nach ihrer Scheidung (1906) emanzipiert sie sich durch Skandal. Sie wird Pantomimin, Nackttänzerin und lebt sapphische Liebschaften (mit Missy). Das ist die Zeit von Les Vrilles de la vigne (1908).
Die Reife und der Ruhm (1912-1954)
- Die Anerkennung: Sie wird eine große Romanautorin (Chéri, Le Blé en herbe) und Journalistin.
- Sido (1930): Mit 57 Jahren, versöhnt, kehrt sie zu ihrer Kindheit zurück und würdigt ihre Mutter.
- Ehrungen: Erste weibliche Präsidentin der Académie Goncourt und erste Frau mit einem Staatsbegräbnis.
🎭 Das Werk und sein Kontext
Ein zeitliches Diptychon
Die beiden Werke des Programms sind durch 20 Jahre getrennt:
- Les Vrilles de la vigne (1908): Das Werk der Jugend, der Eroberung der Freiheit und der Sinnlichkeit.
- Sido (1930): Das Werk der Reife, der Rückkehr zu den Ursprüngen und der Würdigung der Elternfiguren.
DETAILLIERTE ZUSAMMENFASSUNG
SIDO (1930)
Dieser autobiographische Bericht ist in drei Teile unterteilt, wie ein Familientriptychon.
1. Sido (Die Mutter)
Colette zeichnet das mythische Porträt ihrer Mutter. Sido ist die Königin des Gartens, eine Art heidnische Priesterin, die mit den Winden, den Pflanzen und den Tieren kommuniziert. Sie lehrt ihre Tochter, die Welt zu "betrachten" ("Schau!"). Sie verkörpert Verwurzelung, Vitalität und bedingungslose Liebe.
2. Der Kapitän (Der Vater)
Eine melancholischere Figur. Der Kapitän ist ein amputierter Mann (physisch und symbolisch). Er liebt Sido mit verrückter Liebe. Er träumt davon, Schriftsteller zu werden, hinterlässt aber leere Hefte. Colette versteht, dass sie Schriftstellerin geworden ist, um die leeren Seiten ihres Vaters zu füllen.
3. Die Wilden (Die Geschwister)
Colette erinnert an ihre Halbbrüder und ihre Schwester ("die Fremde"). Sie werden als freie, ungreifbare Wesen beschrieben, die am Rande gesellschaftlicher Konventionen leben, wie "Wildlinge".
LES VRILLES DE LA VIGNE (1908)
Sammlung sehr unterschiedlicher Kurztexte (Erzählungen, Prosagedichte, Chroniken).
Die einleitende Erzählung (Les Vrilles)
Eine Nachtigall droht während ihres Schlafes von den Ranken der Weinrebe erstickt zu werden. Sie wacht rechtzeitig auf und beschließt, die ganze Nacht zu singen, um nie wieder gefangen zu werden. Es ist eine Metapher für Colette, die fast von ihrer Ehe mit Willy erstickt worden wäre und die das Schreiben (den Gesang) wählt, um frei zu bleiben.
Feier des Körpers und der Natur
In Texten wie Nuit blanche oder Jour gris feiert Colette die Liebe (manchmal sapphisch), die Schönheit des weiblichen Körpers, das Meer, den Wald. Sie fordert einen klarsichtigen Hedonismus: Die Welt trotz der Traurigkeit genießen.
Dialogues de Bêtes
Toby-Chien und Kiki-la-Doucette (die Katze) unterhalten sich. Durch sie kritisiert Colette die menschlichen Sitten und behauptet die Überlegenheit des tierischen Instinkts.
GESAMTANALYSE
📊 Überblick
Diese beiden Werke illustrieren den Weg einer Frau, die sich durch die Welt und mit der Welt aufbaut. Colette denkt die Welt nicht (wie ein Philosoph), sie kostet sie. Ihr Schreiben ist ein Fest der Sinne.
🎯 Wesentliche Merkmale
Das Sensorische Schreiben
Colette verwendet die Synästhesie (Vermischung der Sinne). Sie beschreibt Farben, Gerüche, Texturen mit botanischer Präzision und poetischer Genusssucht. Die Welt ist eine Materie zum Genießen.
Der Animismus
Für Colette ist alles lebendig. Pflanzen haben eine Seele, Tiere sprechen, der Wind hat Absichten. Der Mensch ist der Natur nicht überlegen, er ist Teil von ihr. Es ist eine pantheistische Vision.
Die Auferstehung durch Worte
Schreiben bedeutet, den Tod zu besiegen. Indem sie den Garten ihrer Kindheit oder die Stimme ihrer Mutter minutiös beschreibt, macht sie sie ewig. Sido ist ein literarisches Grab, das dauerhafter ist als Marmor.
HAUPTTHEMEN
🌿 Die Natur und der Kosmos
Die Natur ist keine Kulisse, sie ist ein Partner. Sido liest die Vorzeichen am Himmel. Colette fühlt sich als "Frucht", "Pflanze", "Tier". Es gibt eine totale Verschmelzung zwischen Subjekt und Kosmos.
🔓 Die Emanzipation und die Freiheit
Das ist das zentrale Thema der Vrilles. Freiheit hat einen Preis: Einsamkeit, Unruhe (die Nachtigall schläft nicht mehr). Aber sie ist lebenswichtig. Colette lehnt Zwänge ab (die Ehe, die bürgerliche Moral), um ihrem Instinkt zu folgen.
🕰️ Die Erinnerung und die Kindheit
Die Kindheit ist ein verlorenes Paradies. Saint-Sauveur ist ein Garten Eden, aus dem Colette vertrieben wurde. Das Schreiben ist der einzige Weg, dorthin zurückzukehren. Die Erinnerung ist selektiv: Sie mythisiert die Vergangenheit, um daraus eine goldene Legende zu machen.
👩 Die mütterliche Figur
Sido ist allgegenwärtig. Sie ist das Vorbild der freien, neugierigen, erwartungsvollen Frau. Sie ist auch eine erdrückende Figur, von der man sich entfernen musste, um zu existieren, bevor man durch das Schreiben zu ihr zurückkehrt.
ZUGEHÖRIGER WEG: Die Feier der Welt
🎯 Ziel des Weges
Dieser Weg lädt dazu ein zu untersuchen, wie die Literatur JA zur Welt sagen, sie loben, sie besingen kann, trotz Schmerz, Alter oder Tod.
📚 Pädagogische Sequenz
1. Feiern durch die Sinne (Hedonismus)
Die Feier bei Colette ist körperlich. Sie geht durch den Körper. "Die Welt gehört mir" bedeutet "ich kann sie berühren, sie riechen". Es ist ein gefräßiger Lebenshunger.
2. Feiern um zu Retten (Erinnerung)
Die Welt ist vergänglich (Blumen verwelken, Eltern sterben). Feiern bedeutet, den Augenblick festzuhalten, um ihn am Verschwinden zu hindern. Es ist ein Kampf gegen die Zeit.
3. Trotzdem Feiern (Klarheit)
Colette ist nicht naiv. Sie kennt die Grausamkeit der Natur (die Katze, die den Vogel tötet) und den Schmerz der Liebe. Aber sie entscheidet sich trotzdem zu feiern. Es ist eine eroberte Freude, eine tragische Weisheit (nahe dem Stoizismus).
Schlüsselwörter des Weges
- Hymne: Lobgesang.
- Epiphanie: Moment der Offenbarung der Schönheit.
- Verklärung: Das Banale wird durch den Blick heilig.
- Pantheismus: Gott ist in allem.
SCHLÜSSELZITATE
1. Die mütterliche Aufforderung
"Schau! [...] Sieh!"
- (Sido)
- Analyse: Das ist Sidos Testament. Zu lernen, die verborgene Schönheit zu sehen (eine Raupe, einen Wassertropfen) ist die erste Pflicht des Schriftstellers.
2. Der Besitz der Welt
"Die Welt gehört mir."
- (Les Vrilles de la vigne)
- Analyse: Machtaussage. Nicht ein materieller Besitz (Colette ist nicht reich), sondern ein sensorischer Besitz. Wer die Welt zu genießen weiß, ist ihr König.
3. Die Freiheit
"Ich will tun, was ich will [...] Ich will singen, wann es mir passt."
- (Les Vrilles de la vigne)
- Analyse: Das Credo der Emanzipation. Die Ablehnung der "Ranken" (die Bindungen, die ersticken).
4. Das väterliche Erbe
"Er musste ein Dichter sein, oder ich bin nichts."
- (Sido)
- Analyse: Colette erkennt, dass sie anstelle ihres Vaters schreibt. Sie verwirklicht den Traum, den er nicht erfüllen konnte.
AUFSATZTHEMEN
Thema 1: Feier und Melancholie
"Schließt die Feier der Welt in Sido und Les Vrilles de la vigne die Traurigkeit aus?"
Überlegungsansätze
- Eine dominierende Freude: Das Staunen angesichts der Natur, der Humor.
- Eine unterschwellige Melancholie: Die Trauer um die Kindheit, die Einsamkeit der freien Frau, die Angst vor der Zeit.
- Synthese: Die Feier ist ein Sieg über die Traurigkeit. Gerade weil die Welt enden wird, ist sie schön.
Thema 2: Die Autobiographie
"Spricht Colette in diesen Werken von sich selbst oder von anderen?"
Überlegungsansätze
- Der Umweg über den anderen: Sie erzählt sich durch das Porträt von Sido, ihres Vaters, ihrer Tiere.
- Das allgegenwärtige Ich: Es ist immer ihr Blick, ihre Erinnerungen. Die anderen sind Spiegel ihrer Identität.
- Eine relationale Identität: Man existiert nicht allein, man ist das Produkt seiner Bindungen (Wurzeln und Ranken).
Thema 3: Die Natur
"Ist die Natur für Colette eine Zuflucht oder ein Vorbild?"
Überlegungsansätze
- Eine Zuflucht: Fernab der scheinheiligen Pariser Gesellschaft.
- Ein Vorbild: Die Natur lehrt das Überleben, den Instinkt, die Schönheit ohne Künstlichkeit. Sido ist "natürlich".
- Eine Verschmelzung: Colette unterscheidet sich nicht von der Natur, sie ist ein "Tier" unter Tieren.
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