Cahiers de Douai
"Ich ging dahin, die Fäuste in meinen zerrissenen Taschen..."
BIOGRAFIE: Arthur Rimbaud (1854-1891)
📅 Wesentliche Chronologie
Der rebellische Jugendliche (1854-1870)
- 1854: Geburt in Charleville (Ardennen). Abwesender Vater, autoritäre Mutter ("La Mère Rimb").
- 1870: Als brillanter Schüler gewinnt er zahlreiche Preise. Aber er erstickt in der Provinz. Von seinem Lehrer Georges Izambard ermutigt, beginnt er zu schreiben und flüchtet mehrmals nach Paris und Belgien.
Die blitzartige poetische Schaffensperiode (1870-1875)
- 1870: Verfassen der 22 Gedichte der Cahiers de Douai während seiner Aufenthalte bei Izambards Tanten in Douai.
- 1871: Brief des Sehers ("Je est un autre" - Ich ist ein anderer). Begegnung mit Verlaine in Paris. Beginn eines bohemehaften und skandalösen Lebens.
- 1873: Drama von Brüssel (Verlaine schießt auf Rimbaud). Veröffentlichung von Une Saison en Enfer (Eine Zeit in der Hölle).
- 1875: Mit 21 Jahren verzichtet er endgültig auf die Dichtung.
Der Mann mit den Windsohlen (1875-1891)
- Reisen: Er durchquert Europa und reist dann nach Afrika (Äthiopien, Jemen).
- Handel: Er wird Kaufmann, Waffenhändler.
- 1891: Rückkehr nach Frankreich wegen eines Knietumors. Nach der Amputation stirbt er in Marseille mit 37 Jahren.
🎭 Das Werk und sein Kontext
Die Cahiers de Douai (1870)
Diese Sammlung (postumer Titel) vereint die Jugendgedichte, die Paul Demeny anvertraut wurden. Sie zeugt vom blitzartigen Übergang zwischen einem begabten jungen parnassischen Dichter und dem visionären Genie, das die moderne Poesie revolutionieren wird.
DETAILLIERTE ZUSAMMENFASSUNG
Struktur der Sammlung
Die Sammlung wurde von Rimbaud nicht für die Veröffentlichung organisiert, aber sie vereint zwei Bündel von Gedichten, die im Frühjahr und Herbst 1870 geschrieben wurden. Man kann mehrere Inspirationsrichtungen unterscheiden.
1. Die satirische und politische Richtung
Rimbaud rechnet mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem Zweiten Kaiserreich ab.
- "À la musique": Heftige Satire auf die Bürger von Charleville, die dem Militärorchester zuhören.
- "Rage de Césars", "L'Éclatante Victoire de Sarrebrück": Gewalttätige Angriffe gegen Napoleon III.
- "Le Mal" (Das Böse): Anklage des Krieges und der Gleichgültigkeit Gottes und der Könige.
2. Die sinnliche und liebevolle Richtung
Der Jugendliche drückt seine ersten Regungen aus, oft in einem leichten und ironischen Ton.
- "Première Soirée" (Erster Abend): Szene verwegener Intimität ("Elle était fort déshabillée..." - Sie war sehr entkleidet...).
- "Les Reparties de Nina" (Ninas Entgegnungen): Einladung zur Liebes- und bukolischen Reise.
- "Roman": "On n'est pas sérieux, quand on a dix-sept ans" (Man ist nicht ernst, wenn man siebzehn ist). Die Sorglosigkeit der Jugendliebe.
3. Die Richtung des Umherschweifens und der Natur
Dies ist der berühmteste Teil, jener der fröhlichen Landstreicherei.
- "Sensation": Sinnliche Verschmelzung mit der Natur ("J'irai loin, bien loin..." - Ich werde weit gehen, sehr weit...).
- "Ma Bohème" (Meine Boheme): Der himmlische Landstreicher-Dichter, der sein Elend in poetisches Gold verwandelt.
- "Au Cabaret-Vert" (Im Grünen Wirtshaus): Einfache Freuden der Rast (Butterschnitten und Schinken).
4. Die visionäre und symbolistische Richtung
Rimbaud überschreitet den Realismus, um eine mythische Dimension zu erreichen.
- "Le Dormeur du val" (Der Schläfer im Tal): Realistisches Bild, das sich als tragische Anklage des Todes offenbart.
- "Ophélie" (Ophelia): Neuinterpretation des Shakespeare-Mythos, Symbol des missverstandenen Dichters.
GESAMTANALYSE
📊 Überblick
Die Cahiers de Douai sind das Werk eines 16-jährigen Genies im Wandel. Man sieht Rimbaud seine Meister (Hugo, Banville, Baudelaire) nachahmen, um sie besser zu übertreffen und seine eigene Stimme zu finden, jene der absoluten Revolte und Freiheit.
🎯 Wesentliche Merkmale
Die vielfältige Revolte
- Politische Revolte: Gegen das Kaiserreich, den Krieg, die etablierte Ordnung.
- Soziale Revolte: Gegen die Bürger ("Les Assis" - Die Sitzenden), den Konformismus, die Religion.
- Poetische Revolte: Gegen die strengen Regeln des Parnass. Er zerlegt den Alexandriner (gewagte Enjambements, ausdrucksstarke Verwerfungen) und führt prosaische oder umgangssprachliche Sprache in die Poesie ein.
Émancipations créatrices
Die Sammlung zeichnet den Weg einer Befreiung nach. Rimbaud emanzipiert sich von seiner Mutter, seiner Stadt, seinen Lehrern und schließlich von literarischen Vorbildern. Er erfindet eine Poesie der Bewegung, der unmittelbaren Empfindung, wo "ich" ein anderer ist, ein Seher, der die Welt entziffert.
HAUPTTHEMEN
🚶 Das Umherschweifen und die Freiheit
Das Gehen ist der Motor des Schreibens. Rimbaud ist ein "Fußgänger" (Ma Bohème). Die Freiheit ist physisch (Flucht), moralisch (Ablehnung der Konventionen) und poetisch (befreiter Vers). Die Natur ist die mütterliche und sinnliche Zuflucht des Vagabunden.
🔥 Die Jugend und der Körper
Es ist eine Sammlung über die Adoleszenz: Hunger, Durst, sexuelles Verlangen, Rausch. Der Körper ist allgegenwärtig, ob glorreich (Sensation), komisch (Vénus Anadyomène - Venus Anadyomene) oder tragisch (Le Dormeur du val).
⚔️ Der Krieg und die Geschichte
Mitten im Krieg von 1870 geschrieben, zeugen die Gedichte vom Trauma. Aber Rimbaud schreibt keine patriotische Poesie: Er prangert die Absurdität des Gemetzels an ("Le Mal") und verspottet die Machthaber.
🎭 Die Satire auf das Bürgertum
Rimbaud hasst die provinzielle Mittelmäßigkeit. Er karikiert die Honoratioren, die Bibliothekare, die Zollbeamten mit einer wilden und jubelnden Verve. Es ist das zerstörerische Lachen des Anarchisten.
ZUGEHÖRIGER THEMENSCHWERPUNKT: Émancipations créatrices
🎯 Ziel des Themenschwerpunkts
Dieser Themenschwerpunkt lädt dazu ein zu untersuchen, wie das poetische Schaffen Rimbaud erlaubt, sich zu emanzipieren, das heißt sich von allen Vormundschaften (familiär, sozial, literarisch) zu befreien, um eine neue Art des In-der-Welt-Seins zu erfinden.
📚 Pädagogische Sequenz
1. Sich von den Vorbildern emanzipieren
Rimbaud beginnt damit, zu pastichieren (Hugo, die Parnassier), aber er kehrt ihre Konventionen um. In Vénus Anadyomène parodiert er die Geburt der Venus, indem er eine hässliche Frau beschreibt, die aus einer Badewanne steigt. Er zerbricht das klassische Schönheitsideal.
2. Sich durch die Flucht emanzipieren
Die Gedichte des Umherschweifens (Sensation, Ma Bohème) zeigen, dass die Poesie aus der Bewegung entsteht. Den Herkunftsort verlassen heißt, seine Stimme zu finden. "J'irai loin..." (Ich werde weit gehen...).
3. Sich durch die Sprache emanzipieren
Rimbaud befreit den Vers. Er verwendet triviale Wörter ("fesses" - Hintern, "bière" - Bier, "pisser" - pissen), gebrochene Rhythmen. Er beweist, dass die Poesie alles sagen kann, auch das Hässliche, auch das Banale, und es in Gold verwandeln kann.
Schlüsselwörter des Themenwegs
- Flucht: Geografische und poetische Flucht.
- Entfesselung: Wille, die Wahrnehmung zu verändern (Brief des Sehers).
- Modernität: Ablehnung des Vergangenheitsbezugs, Zugehörigkeit zur Gegenwart.
- Alchemie: Den Schlamm in Gold verwandeln.
SCHLÜSSELZITATE
1. Die sinnliche Freiheit
"Par les soirs bleus d'été, j'irai dans les sentiers,
Picoté par les blés, fouler l'herbe menue"
(An blauen Sommerabenden werde ich auf den Wegen gehen,
Von den Weizenähren gestochen, das feine Gras niedertreten)
- (Sensation)
- Analyse: Der Ruf der Natur und der Freiheit. Vollständige Verschmelzung der Sinne (Sehen, Berühren).
2. Die Adoleszenz
"On n'est pas sérieux, quand on a dix-sept ans."
(Man ist nicht ernst, wenn man siebzehn ist.)
- (Roman)
- Analyse: Das Motto der Jugend. Die Sorglosigkeit, die Leichtigkeit, aber auch die Klarheit über das Vergehen der Zeit.
3. Die Poesie des Umherschweifens
"Petit-Poucet rêveur, j'égrenais dans ma course
Des rimes. Mon auberge était à la Grande-Ourse."
(Als träumender Däumling reihte ich auf meinem Lauf
Reime auf. Mein Wirtshaus war beim Großen Bären.)
- (Ma Bohème)
- Analyse: Der kosmische Landstreicher-Dichter. Das materielle Elend wird durch die poetische Vorstellungskraft verklärt.
4. Die Anklage des Krieges
"Il dort dans le soleil, la main sur sa poitrine
Tranquille. Il a deux trous rouges au côté droit."
(Er schläft in der Sonne, die Hand auf seiner Brust
Ruhig. Er hat zwei rote Löcher auf der rechten Seite.)
- (Le Dormeur du val)
- Analyse: Der brutale Schluss. Der Kontrast zwischen der Gelassenheit der Natur und der Gewalt des menschlichen Todes.
AUFSATZTHEMEN
Thema 1: Die Emanzipation
"Inwiefern sind die Cahiers de Douai die Erzählung einer Emanzipation?"
Überlegungsansätze
- Soziale Emanzipation: Flucht aus der Familie, Kritik am Bürgertum.
- Poetische Emanzipation: Bruch mit den klassischen Regeln, Erfindung einer Sprache.
- Sinnliche Emanzipation: Entdeckung des Körpers, der Natur, der Freiheit.
Thema 2: Die Natur
"Welchen Platz nimmt die Natur in dieser Sammlung ein?"
Überlegungsansätze
- Mütterliche Zuflucht: Sie tröstet, sie wiegt ("Nature, berce-le chaudement" - Natur, wiege ihn warm).
- Raum der Freiheit: Ort des Umherschweifens und des Abenteuers.
- Spiegel der Seele: Sie reflektiert die Gemütszustände des Dichters (Melancholie oder Freude).
Thema 3: Tradition und Modernität
"Rimbaud in den Cahiers de Douai: Erbe oder Revolutionär?"
Überlegungsansätze
- Erbe: Verwendung des Sonetts, des Alexandriners, romantische Themen (Natur, Liebe).
- Revolutionär: Ironische Behandlung, Zerlegung des Verses, triviales Vokabular.
- Synthese: Er verwendet die alten Formen, um neue Dinge zu sagen.
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